Schöne Texte

 

Was es ist

 

Es ist Unsinn

sagt die Vernunft

Es ist was es ist

sagt die Liebe

Es ist Unglück

sagt die Berechnung

Es ist nichts als Schmerz

sagt die Angst

Es ist aussichtslos

sagt die Einsicht

Es ist was es ist

sagt die Liebe

Es ist lächerlich

sagt der Stolz

Es ist leichtsinnig

sagt die Vorsicht

es ist unmöglich

sagt die Erfahrung

Es ist was es ist

sagt die Liebe

(Erich Fried)

 

 

 

Achte gut auf diesen Tag!

 

Achte gut auf diesen Tag,

denn er ist das Leben -

das Leben allen Lebens.

In seinem kurzen Ablauf liegt all seine

Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins,

die Wonne des Wachsens,

die Größe der Tat,

die Herrlichkeit der Kraft.

Denn das Gestern ist nichts als ein Traum

und das Morgen nur eine Vision.

 

Das Heute jedoch, recht gelebt,

macht jedes Gestern

zu einem Traum voller Glück

und jedes Morgen

zu einer Vision voller Hoffnung.

 

Darum achte gut auf diesen Tag.

 

(Dschela ed-Din Rumi)

 

 

 

Von der Geduld

 

Habe Geduld gegen alles Ungelöste

In deinem Herzen und versuche,

die Fragen selbst lieb zu haben

wie verschlossene Stuben und wie Bücher,

die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

 

Forsche jetzt nicht nach Antworten,

die dir nicht gegeben werden können,

weil du sie nicht leben kannst,

und es handelt sich darum,

alles zu leben.

 

Lebe jetzt die Fragen-

Vielleicht lebst du dann allmählich,

ohne es zu merken

eines fernen Tages

in die Antwort hinein.

 

(Rainer Maria Rilke)

 

 

 

Lange Zeit sah es so aus, als würde das Leben endlich beginnen - das wirkliche Leben. Aber es gab immer ein Hindernis, etwas, das zunächst bewältigt werden, etwas, das noch erledigt, noch abgeschlossen werden musste, eine Schuld, die noch zu begleichen war. Dann würde das Leben beginnen. Schließlich wurde mir klar, dass diese Hindernisse mein Leben ausmachten. Offenbar gibt es keinen Weg zum Glück, der Weg ist das Glück und das Glück ist der Weg.

 

(Alfred D`Souza)

 

 

 

Die Geschichte vom zufriedenen Fischer

 

Ein Fischer sitzt am Strand und blickt auf das Meer, nachdem er die Ernte seiner mühseligen Ausfahrt auf den Markt gebracht hat. Warum er nicht einen Kredit aufnehme, fragt ihn ein Tourist. Dann könne er einen Motor kaufen und das Doppelte fangen. Das brächte Geld für einen zweiten Mann ein. Zweimal täglich auf den Fang hieße das Vierfache verdienen. Warum er eigentlich herumtrödle? Auch ein dritter Kutter wäre zu beschaffen; das Meer könnte viel besser ausgenützt werden. Ein Stand auf dem Markt, Angestellte, ein Fischrestaurant, eine Konservenfabrik – dem Touristen leuchteten die Augen – ” Und dann ?” unterbricht ihn der Fischer. “Dann brauchen Sie nichts mehr zu tun. Dann können sie den ganzen Tag sitzen und glücklich auf ihr Meer hinaus blicken!” – “Aber das tue ich doch jetzt schon”, sagt der Fischer.

 

(Heinrich Böll)